Bornholm am 20.März 2020. Die Zeit steht still. Man hört vormittags Kinderstimmen aus den Nachbargärten.
Das habe ich 13 Jahre lang nicht erlebt.
Die Eltern sind mit ihren Kindern Zuhause. Quality-time at home.
Mütter und Väter radeln mit ihren Kindern entspannt an unserem Innenhof vorbei, in dem ich draußen in der Sonne sitze. Seit fast 3 Stunden. Ohne ein Projekt. Ohne einen Gedanken. Einfach so.
Alles steht auf Pause: Workshops, Coachings, Seminare, Ferienhausgäste.

Man hört Rasenmäher. Am Himmel nicht ein Kondenzstreifen. Auf der Baustelle der acht Sommerhäuser, die nebenan auf dem ehemaligen Campingplatz gebaut werden, ist es still. Baufahrzeuge stehen verwaist dar.
Keiner arbeitet in diesen Tagen.

Junge Menschen gehen vorbei. Einzeln. Sie gehen spazieren. Einfach so. Sie genießen die Sonne und wissen es plötzlich zu schätzen, aus den eigenen vier Wänden herauszukommen und frische Luft einzuatmen und den Frühling auf der Haut zu spüren.

Die Zeit steht still.

In den Läden begegnet mir Anspannung. In dem kleinen Supermarkt in unserem Dorf sind extra Sicherheitsscheiben zwischen Kunden und Kassierern angebracht worden. Die Menschen halten Abstand.
Leider verlernen Einige das Lächeln, schauen argwöhnisch. Ich sehe die Angst in den Gesichtern.
Eigentlich grüßt immer jeder freundlich beim Fahrradfahren und Spazierengehen. Jetzt schauen Viele betreten und ängstlich nach unten, wenn sie mir auf dem Fahrrad entgegen kommen.
Wenn ich nur weiterhin freundlich lächle, wird es schon gehen….
Du bist nicht mein Feind lieber Nachbar!

Bornholm ist ein guter Ort, um isoliert zu sein. Vom Festland. Von Europa. Von der Welt.
Ich fühle Dankbarkeit für unseren großen Garten, für die Strände vor der Tür, das Meer, die Klippen, die Täler und Wälder. Die Anemonen stehen prächtig in strahlendem Weiß und Blau. Ich pflücke jeden Tag Bärlauch. Vitamin C stärkt das Immunsystem. Die Knospen springen auf, der Frühling zeigt sich mehr und mehr. Alles ist perfekt. Friedlich. Ruhig.

Solange die Gedanken still halten. Solange uns nicht die Angst packt.
Ich lebe einen Tag nach dem anderen. Einen Tag zur Zeit. Denke nicht an Morgen. Nicht an Übermorgen.
All das zeigt uns, wie zerbrechlich unsere Welt ist. Das wird nichts, absolut nichts kontrollieren. Wir haben es gedacht, aber werden eines Besseren belehrt.
Und all das zeigt uns, wie schön ein Alltag ist, über dessen Eintönigkeit wir in unserer Überflussgesellschaft so oft klagen. Ein Alltag, dem wir oft nur mit Konsum, vielen Reisen und digitaler Ablenkung entfliehen können.
Was gäben wir jetzt für diesen Alltag von gestern!

“Die Welt lernt gerade, wie wenig sie braucht”, weise Worte unseres Sohnes, 20 Jahre alt.

Am Ende dieses Jahres 2020 werden wir zurückschauen auf diese Zeit. Vielleicht sogar wehmütig.
Weil wir alle in diesen Tagen solidarisch waren.
Weil das WIR mehr wert war als das ICH.
Weil Familie, Freunde und Mitmenschlichkeit wieder einen ganz besondere Wichtigkeit und Stellenwert erhielten. Weil wir uns wieder mit unseren Herzen gezeigt haben, mit unserer Verletzlichkeit, mit unseren Ängsten, aber auch mit Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Solidarität.
Weil wir wieder ins Fühlen gekommen sind für Menschen in Krisengebieten und Not.
Denn kurz, ganz kurz waren wir selber betroffen. Das veränderte alles.

Die Zeit steht still in diesen Tagen im März auf Bornholm.