Bornholm, 26. April 2020

Seit nunmehr fast sieben Wochen sind wir im „lockdown“. Oder ist es nicht mehr der „lockdown“, weil die 1. Phase der Lockerungen schon eingesetzt hat? Ich weiß es nicht und es ist auch nicht wichtig. Gefühlt ist es immer noch der „lockdown“, die Quarantäne, das Zurückgeworfenen auf sich selbst. Seit dem ersten Tag dieser Zeit  habe ich mit Atemübungen begonnen. Atmen. Einfach nur Atmen. Bewusst und tief. Ein und aus. Beim Einatmen bis zwanzig zählen. Das ist verdammt lang, wenn was es noch nie gemacht hat. Habe ich überhaupt soviel Atmen? Ich zähle einfach schneller, dass geht es schon. Ausatmen und dabei ebenfalls bis Zwanzig zählen. Wenn ich das mache, kann ich automatisch nicht flach oben in der Brust atmen, sondern brauche meinen Bauchraum, der sich auf und abbewegt. Eins, zwei … bis Zwanzig .. so lang atme ich aus. Ab Fünfzehn ist da keine Luft mehr, die raus kann. Ich presse den Rest nach, bis ich ganz leer bin. Ich mache das jeden Tag, morgens und auch mal zwischendurch am Tag. Mit der Zeit werde ich süchtig danach, denn ich merke, dass ich mehr Atem bekomme. Mehr Luft. Mehr Energie. Und das lange Ausatmen ist ein bisschen wie Loslassen. Es ist, als wenn ich mich mit jedem Takt des Zählens ein Stückchen mehr verliere. Ich lasse mich los, meine Atem und alles, was sich darin versteckt hat. Die Fragen. Das Misstrauen. Die Verwirrung. Die Zweifel. Bis ich leer bin von alle dem. Und je öfter ich das mache, desto leichter werde ich. Ballast wirft sich selbst über Bord, löst sich in ausgeatmetem Kohlendioxid auf.
Atmen wird völlig unterschätzt. Dabei können wir ohne zu essen, bis zu 60 Tage überleben, ohne zu trinken gerade mal circa 4 Tage. Doch ohne zu atmen, ist es viel schneller aus mit uns. Das könnte uns etwas darüber sagen, wie elementar wichtig das Atmen ist. Lebenselixier. Lebensenergie. Ich atme, also bin ich. Ich atme, also lebe ich. Ich atme, also bin ich sicher. Ja, ich bin in Sicherheit, wenn ich atme. Mehr braucht es nicht. So schön, dass ich das in dieser Zeit lernen darf.


Photo: @ Steffi Schroeter, British Columbia